Nach Warnung vor „Klima-Notfall“: Meeresbiologin schildert, was sich ändern muss

Freitag, 08.11.2019, 21:28
Er hat es getan. US-Präsident Donald Trump hat zu Beginn der Woche sein Kündigungsschreiben für das Pariser Klimaabkommen abgeschickt. Damit verabschieden sich die USA – zumindest ihr Präsident – aus den wichtigsten internationalen Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel.

Gleichzeitig haben rund 15.000 Wissenschaftler aus aller Welt im Fachmagazin „BioScience“ eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der sie vor einem „Klima-Notfall“ warnen. Das menschliche Verhalten, das zu Treibhausgasemissionen und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren führt, müsse sich grundlegend und anhaltend verändern, heißt es in der Erklärung.Deshalb fordern die Wissenschaftler vor allem sechs Dinge:1. den Umstieg auf erneuerbare Energien2. die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen3. einen besseren Schutz von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren4. den Konsum mehr pflanzlicher und weniger tierischer Produkte5. eine nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft6. eine Eindämmung des WeltbevölkerungswachstumsFast zeitgleich kommentiert eine Arbeitsgruppe der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina das Klimapaket der Regierung und übt deutliche Kritik. Die Wissenschaftler fordern einen stärkeren Impuls für die CO2-Bepreisung und einen unabhängigen Expertenrat mit einem starken Mandat, um die Fortschritte im Klimaschutz kontinuierlich zu begutachten. In der Erklärung betonen sie, dass die Klimaziele 2030 „nach wie vor erreicht werden können, wenn für die Umgestaltung der Energieversorgung und -nutzung die richtigen Weichen gestellt werden.“ Das Gefühl der Dringlichkeit wächstAntje Boetius ist Meeresbiologin, leitet seit 2017 das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und hat die Erklärung im Fachmagazin „BioScience“ unterzeichnet und ist Mitglied der Akademie Leopoldina. Im Gespräch mit FOCUS Online schildert sie, warum ein Fokus auf eine Energiewende jetzt so wichtig ist, der Austritt Donald Trumps aus dem Klimaabkommen nicht überbewertet werden sollte und es so wichtig ist, dass von wissenschaftlicher Seite immer wieder Impulse gesetzt werden im Kampf gegen den Klimawandel.FOCUS Online: In einer Erklärung im Fachmagazin „BioScience“ warnen Sie gemeinsam mit rund 15.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor einem „Klima-Notfall“. Warum haben Sie die Erklärung unterzeichnet?Boetius: Seitdem ich mich mit den Konsequenzen des Klimawandels für die Systeme beschäftige, mit denen ich als Forscherin vertraut bin – sprich Polarsysteme, Meere, Küsten – stelle ich fest, dass es zunehmend eine Lücke gibt zwischen dem, was wir uns als gesellschaftliche Ziele vorgenommen haben und dem, was tatsächlich in der Natur geschieht. Auch in Bezug auf die Emissionen, die einfach weiter ansteigen. Das geht so schnell, und es dauert andererseits so lange, um Infrastrukturen aufzubauen, die den Klimaschutz zu unser aller Wohl bewältigen können, dass bei mir das Gefühl der Dringlichkeit wächst. Und was kann man da als Wissenschaftler tun? Wir haben den Verantwortlichen Daten gegeben, gesprochen, geschrieben, beraten. Aber noch gehen die Emissionen nicht zurück – und deshalb kommt eben eine Warnung.“Noch fehlt klare Fokussierung auf nachhaltiges Verhalten“FOCUS Online: Aber Warnungen von Seiten der Wissenschaft gab es ja bereits einige. Warum empfinden Sie es gerade jetzt noch mal als wichtig, die Situation als „Klima-Notfall“ zu bezeichnen?Boetius: Das Wort „Notfall“ steht hier dafür, dass Wissenschaftler beobachten wie die Emissionen weiter steigen und schlussfolgern, dass unsere Zeit zum Handeln schon im nächsten Jahrzehnt abläuft, wenn wir übermäßig teure und irreversible Schäden vermeiden wollen, wie beispielsweise an tropischen Inseln und Korallenriffen weltweit. Aber noch fehlt uns in Europa und weltweit eine klare Fokussierung auf und eine Priorisierung des Umbaus zu einem nachhaltigen Verhalten, die diese Tatsache berücksichtigen würde. FOCUS Online: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie in Ihrer Erklärung schildern?Boetius: Das Wesentliche an der Veröffentlichung der Erklärung im Fachmagazin „BioScience“ ist, dass dort eine Vielzahl von Indikatoren aufgeführt wird, die erklären, wie der Zustand der Erde mit unserem Verhalten zusammenhängt. Sie zeigen beispielsweise, dass seit einiger Zeit auch die Ernährungssicherheit in vielen Ländern wieder zurück geht. Der Klimawandel ist einer der Gründe dafür. Das Wichtigste: Der Umbau des EnergiesystemsGlobal betrachtet werden inzwischen jährlich bereits rund 40 Gigatonnen CO2 emittiert. Der allergrößte Anteil davon geht auf die Verbrennung von Kohle, Gas und Öl als Energiequellen zurück. Das macht laut dem Global Carbon Project gut 80 Prozent der aktuellen CO2-Emissionen aus. Aktuelle Berichte zeigen auch, dass Kohlekraftwerke, die derzeit noch im Bau sind, die 800 Gigatonnen Platz in der Atmosphäre, die wir noch haben, bevor das 2-Grad-Ziel verfehlt würde, innerhalb der nächsten zehn Jahre aufzehren werden. Deshalb können wir ganz klar auf der Grundlage von Fakten sagen: Da müssen wir ran. Der Umbau des Energiesystems ist das eine große Ding, das wir jetzt verändern müssen – und dafür braucht es internationale Kooperation.FOCUS Online: „Sogar, wenn alle freiwilligen Klimazusagen voll umgesetzt werden, erreichen sie nur die Hälfte dessen, was notwendig ist, um die Beschleunigung des Klimawandels im nächsten Jahrzehnt zu begrenzen“, sagt Robert Watson, einer der Autoren der Erklärung im Magazin „BioScience“. Ist es also schon zu spät?Boetius: Es ist nie zu spät. Wenn wir davon reden, dass die Zeit abläuft, meinen wir konkret, dass es um die Bewahrung eines Zustands der Erde geht, wie wir ihn kennen. Das darf nicht missverstanden werden als ‚In 10 Jahren sterben alle‘ – das wäre nicht richtig. Der Artikel zeigt auf, wie wichtig es ist, sich jetzt der Frage zu widmen: Wie kann man Leid vermeiden? Dazu ist es nie zu spät. Aber da das einmal emittierte CO2 über einen sehr langen Zeitraum wirkt, ist es wichtig, jetzt zu reagieren und Dinge zu verändern, bevor unumkehrbar Lebensraum verloren geht. Und vor dieser Situation stehen wir jetzt.“Noch möglich, das 2-Grad-Klimaziel zu erreichen“FOCUS Online: Was muss dann jetzt getan werden?Boetius: Die Erkenntnisse aus der Betrachtung vom CO2- und Methan-Anstieg und anderer Indikatoren zeigen, dass es direkte Zusammenhänge gibt zwischen der durch Subventionen und fehlende Bepreisung sehr günstigen Verbrennung von fossilen Brennstoffen als Energiequelle, und anderen Faktoren wie Landnutzung, Transport, Bau und vieles mehr.  Lange war auch wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand an Energieverbrauch gekoppelt, aber das verändert sich jetzt und muss auch nicht so sein. 

Deswegen fordern wir von wissenschaftlicher Seite, dass der Fokus jetzt auf Lösungen für das Energiesystem liegen muss – und das wirkt natürlich in die genannten Sektoren wie Transport, Bau, industrielle Produktion hinein. Auch die steigenden Energiekosten der Digitalisierung und Rechnerinfrastrukturen, die bald 20 Prozent der gesamten Energiekosten ausmachen werden, müssen bedacht werden. Technisch und sozialökonomisch ist dabei ein Umbau zu nachhaltigen Energien möglich, was viele Gutachten schon gezeigt haben. Somit ist es auch noch möglich, das 2-Grad-Klimaziel zu erreichen. Doch die Analysen zeigen auch: Je länger wir warten, desto schwieriger und teurer wird es. Es muss nun also einen klaren und auch einen systemischen Weg geben, der aufzeichnet, wie alle Länder ihre Beiträge leisten können und müssen. Dazu hat eine Arbeitsgruppe der Nationalakademie Leopoldina eine Stellungnahme mit Blick auf Deutschland veröffentlicht.“Neue Chancen für Erfindungen, Innovation und das Gemeinwohl“FOCUS Online: Welche Rolle kann und muss Deutschland dabei spielen? Immer wieder wird behauptet, Deutschland könne sowieso nichts bewegen.Boetius: Wenn man das gesamte CO2, das seit der industriellen Revolution ausgestoßen wurde, betrachtet, dann sind Europa und damit auch Deutschland immer noch mit die größten Emittenten. Erst seit wenigen Jahren sind es auch China und Indien, die zu den Ländern mit dem größten CO2-Ausstoß zählen. Auch deswegen haben wir eine wichtige Verantwortung – als die Länder, denen es eigentlich gut geht, die Wohlstand und Kompetenz haben – mitzuhelfen, dass die Zukunft anders aussieht, als es der Pfad vorzeichnet, auf dem wir gerade sind.

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Der Umbau des Energiesystems eröffnet auch wieder ganz neue Chancen für Erfindungen, Innovation und das Gemeinwohl. In Deutschland tragen wir mit unserer global agierenden Industrie, als Export- und Hightech-Land und durch unsere Einflussnahme auf Europa und die Weltpolitik natürlich eine wichtige Rolle. Um zu wirken, müssen wir zeigen, dass wir selbst auch umbauen und die selbstgesteckten Klimaziele erreichen können.FOCUS Online: Wie könnte das konkret aussehen?Boetius: Wenn Erdgas, Erdöl und Kohle teurer werden, wie es beispielsweise bereits zu Zeiten von Ölkrisen gewesen ist, gehen sofort die CO2-Emissionen zurück. Wir wissen aus historischer Erfahrung, dass eine Regelung über einen Preis fundamental schnell wirkt. Schneller als alles andere. Daher ist eine wirksame CO2-Bepreisung der erste Schritt, aber natürlich nur einer – dazu haben nun viele Sachverständigenräte gearbeitet und mehrere unserer Akademien Stellungnahmen veröffentlicht. Unsere aktuelle Stellungnahme zum Klimapaket betont noch einmal, dass wir eine wirksame, sozial ausgewogene CO2-Bepreisung brauchen, die in Anlehnung an den aktuellen Preis im Emissionshandel bei rund 30 Euro pro Tonne angesetzt wird. Damit beginnen regenerative Energien günstiger zu sein als fossile. Der Staat kann das Geld nutzen, um wichtige Investitionen in Infrastrukturen für Klimaschutz und Anpassung zu leisten und vor allem, um Ungerechtigkeiten für die einkommensschwächeren Haushalte auszugleichen.  Wichtig ist darüber hinaus, zu begreifen, dass nationale Schritte wichtig sind, um internationale Kooperationen für das Gesamtziel eines globalen Rückgangs der Emissionen zu erreichen.“Bisher zahlen vor allem die Ärmsten für die Folgen des Klimawandels“FOCUS Online: Wie realistisch schätzen Sie die Chance ein, dass das noch gelingen kann?Boetius: Es ist eine komplexe Aufgabe. Momentan hat man den Eindruck, dass die Nationen und ihre Menschen eher auseinanderfallen, als dass sie zusammenhalten. Aber andererseits gibt es einen sehr hohen Willen der Bürger Europas, zu einer besseren Zukunft zu kommen. Gerade deshalb steht auch in dem Kommentar der Leopoldina, aber auch der Erklärung im Fachmagazin „BioScience“: Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, darauf hinzuweisen, dass die aktuellen Schritte des Klimaschutzes noch nicht reichen.

Es gibt Beispiele, wo dies gelungen ist und eine internationale Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik erfolgreich gewirkt hat. Zum Beispiel bei der Bekämpfung des Ozonlochs, der Schwefelemissionen oder der Phosphat-Überdüngung. Im Rahmen der Bekämpfung des Ozonlochs haben wir es geschafft – vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse – innerhalb von 20 Jahren die FCKWs weitgehend zu verbieten. Dadurch sind Millionen Fälle von Hautkrebstoten vermieden worden.FOCUS Online: In Ihrem Kommentar der Nationalakademie sprechen Sie auch an, dass bei den Klimaschutz-Maßnahmen auch der soziale Ausgleich berücksichtigt werden muss. Was bedeutet das für die Weltgemeinschaft?Boetius: Das bedeutet, dass ein Wandel des Energiesystems unter Berücksichtigung regionaler Lösungen und sozialer Ausgeglichenheit stattfinden muss. Bisher zahlen ja vor allem die Ärmsten für die Folgen des Klimawandels. Es braucht neben dem Klimaschutz aber auch Maßnahmen zur Anpassung, das bedeutet vor allem Investition in Infrastrukturen und Ermöglichung nachhaltigen Lebens. Das kann nicht jeder Einzelne für sich alleine lösen. FOCUS Online: Das klingt alles teuer. Boetius: Es gibt aktuelle Gutachten – beispielsweise vom Forschungszentrum Jülich – die zeigen, dass Klimaschutz günstiger ist, als Klimaziele zu verpassen und dafür später die Strafe zahlen zu müssen. Ein Beispiel dazu aus der Wirtschaft: Es wird weltweit viel Geld ausgegeben, um Kohle und Erdöl zu subventionieren – auch Steuerzahlergeld. Der Vorschlag wäre jetzt, diese Subventionen fallen zu lassen. Stattdessen sollte die Vermüllung der Atmosphäre nicht länger kostenlos sein. Das sind logische Prinzipien, die nicht bedeuten, dass alles unendlich viel teurer werden muss, oder wir überhaupt an Lebensqualität verlieren müssen – im Gegenteil. Das bedeutet vor allem, dass wir Steuern neu sortieren müssen und den Fokus darauf legen, dass die Atmosphäre nicht vermüllt wird.Auch Versicherungen und Banken können Lenkungswirkung habenFOCUS Online: Wie schlimm ist es für die internationale Gemeinschaft, dass die USA jetzt aus dem Klimaabkommen austreten?

Boetius: Die USA bestehen ja aus Bundesstaaten und die haben alle verschiedene Perspektiven und Möglichkeiten. Kalifornien zum Beispiel sagt ganz klar, dass sie die Ziele dennoch erreichen wollen. Ähnliches gilt für Industriezweige und Unternehmen, die sich Klimaschutzziele vorgenommen haben und nicht davon abrücken wollen.Es gibt auch ganz andere Möglichkeiten, auf internationaler Ebene zusammenzuarbeiten. Wie zum Beispiel Anstrengungen des „Global Compact“-Programms der Vereinten Nationen. Ziel ist es, direkt mit Versicherungen und Banken zu verhandeln, andere Prinzipien aufzusetzen für die Versicherung und Finanzierung von Geschäften. Wer keinen Beitrag zum Klimaschutz leistet oder der Umwelt schadet, würde so einfach nicht mehr versichert oder finanziert. Das hätte einen riesigen Effekt.FOCUS Online: Also ist der Austritt der USA gar nicht so schlimm?Boetius: Natürlich ist er schlimm, schon allein, weil es wichtig ist, dass die internationale Gemeinschaft bei den Zukunftslösungen im Kampf gegen den Klimawandel zusammenhält. Den Wissenschaftlern und vielen Bürgerinnen und Bürgern in den USA tut es zudem weh, in einer Situation zu leben, in der die eigene Regierung solche derart unvernünftigen Signale sendet. Gerade in Zeiten von holperiger Transformation, wie sie uns bevorsteht, müssen die Menschen zusammenfinden, um gemeinsam den Weg in Richtung einer besseren Zukunft zu gehen. Immerhin gibt es inzwischen sehr viele auf der ganzen Welt, die bereit sind, etwas zu tun.
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